Erst durften nur die Soldaten, 30 Jahre später auch die Bürger, dann wurden Männer und Frauen getrennt und irgendwann wieder alles aufgehoben. Die Rede ist vom Schwimmen im Freibad Nessenreben, das eine bewegte Geschichte vorzuweisen hat. Wurde es im Jahr 1886 erstmals als Militärbad genutzt, ist es heute einer der beliebtesten Orte in Weingarten.

Im Jahr 1886 fehlte es vielmehr an einem Ort, an dem sich die Soldaten der Garnison auch schwimmend ertüchtigen konnten. Daher schloss die Garnisonsverwaltung am 5. Juli 1886 einen Vertrag mit der königlichen Domänenverwaltung. Dieser sicherte die Nutzung des Badeweihers oberhalb dem Mahlweiher. Das Militärbad war geboren.

Doch in den Folgejahre entdeckte auch die Bevölkerung das Schwimmen für sich. Um die Jahrhundertwende wurde es zum Volkssport. Auch in Weingarten wurden nach der Freizeitbeschäftigung laut. Und so durften ab dem Sommer 1907 auch Privatpersonen das Militärbad nutzen. Von einem familienfreundlichen Freibad war man zu diesem Zeitpunkt aber noch weit entfernt. Doch nach den schweren Jahren des Ersten Weltkrieges wurde das Bedürfnis nach mehr Freiheit und dem damit verbundenen Lebensgefühl lauter.

Und so kaufte die Stadt – nach mehrheitlichem Beschluss im Gemeinderat – im März 1922 das Bad für 22000 Mark. Weitere 245000 Mark wurden bereitgestellt, um die Anlage auszubauen und zu sanieren. Bereits im Mai des selben Jahres wurden die Arbeiten abgeschlossen. Doch all die Veränderungen gingen manch einem Stadtrat zu schnell. Ein Mitglied der Zentrumspartei sahen „soziale und sittliche Gründe“ und verhinderten ein Familienbad. „[…] es sei sogar vorgekommen, daß die Schwimmlehrer weiblichen Badegästen nachgeschwommen seien und dieselben auf den Hintern geklopft hätten“, soll er, laut Weingartener Stadtchronik, damals argumentiert haben – und das mit Erfolg.

Sittenverfall beim Rößlerweiher

Die Mehrheit des Stadtrates sprach sich dafür aus, nach Geschlechtern getrennte Badezeiten einzuführen. So gab es fortan dreieinhalb Tage, an denen Frauen, dreieinhalb Tage an denen Männer baden durften. Doch bereits im Jahr 1923 wurde die Frage nach einem Familienbad erneut thematisiert. Ein Gemeinderat der KPD sah die Gefahr des Sittenverfalls bei gemeinsamen Badezeiten nicht gegeben. Er fürchtete vielmehr die Dunkelheit der Kinos beziehungsweise den Rößlerweiher, der „als inoffizielle Badestätte…weit schlimmere Auswüchse“ zeige, wie es in der Chronik heißt.

Eine geheime Abstimmung folgte. Acht Räte stimmten für das Familienbad, acht dagegen. In diesem Fall zählte die Stimme des damaligen Bürgermeisters Wilhelm Braun doppelt. Da er für die Aufhebung der Trennung gestimmt hatte, wurde diese auch umgesetzt. Doch keine zwei Jahre später, im April 1925, forderten die beiden damaligen Stadtpfarrer die Rücknahme der Trennung und die Abschaffung des Familienbades. Zehn Räte waren der gleichen Meinung, weswegen alles wieder zurückgestellt wurde. Nur gemeinsames Sonnenbaden wurde erlaubt. Eine Hecke sollte schaulustige Zaungäste abhalten.

Bademeister pfeift zum Wechsel

In den Folgejahren ging der Streit immer weiter, bis schließlich im Jahr 1930 auch das gemeinsame Sonnenbaden verboten wurde. Die folgenden Jahre müssen kurios gewesen sein. Männer und Frauen wechselten sich mit dem Baden ab – und zwar alle halbe Stunde. Das Kommando gab dann immer der Bademeister, der in seine Trillerpfeife blies und „Achtung, Badewechsel“ gerufen haben soll. Doch nach drei Jahren war damit Schluss. Im Mai 1933 gab der Gemeinderat das Bad nachmittags als Familienbad frei. Vormittags wurde die Geschlechtertrennung beibehalten. Fortan stand jeweils drei Tage den Männern, drei den Frauen zur Verfügung.

Über die Zeit des Freibades unter den Nationalsozialisten schweigen sich Weingartener Stadtchronik und die Festschrift zum 100-jährigen Bestehen weitestgehend aus. Es habe weitere Badekabinen und Ankleidekästen gegeben. Auch sei mein Floß im Becken platziert worden. Zunehmend hätten auch wieder Soldaten das Bad genutzt. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1945 seien einige Reparaturen nötig gewesen. Eine Munitionssprengung in der Nähe habe großen Schaden angerichtet, heißt es in der Festschrift.

Doch in den folgenden Jahrzehnten ging es für das Bad steil bergauf. Zahlreiche Erweiterungen in und um das Bad, wie eine Filtrieranlage, eine Liegewiese, ein Planschbecken oder ein Parkplatz ermöglichten ein rasantes Wachstum. Das machte sich auch an den Besucherzahlen bemerkbar. Im Sommer 1950 sollen es täglich bis zu 800 Schwimmer gewesen sein. Für den Sommer 1955 führt die Festschrift insgesamt 30000 Badegäste auf. Im Jahr 1964 waren es wohl 87000 Badegäste.

Sorge um die Wasserqualität

Damit einher ging auch die Sorge um die Wasserqualität. Eine Untersuchung aus dem März 1964 ergab, dass das Wasser aus dem Stillen Bach erheblich verunreinigt sei. Aus diesem speiste sich das Freibad, weswegen ein Absatzbecken (1965) und eine Einbecken-Kläranlage (1973) eingerichtet wurden. Letzteres ging mit einer Vielzahl von Erweiterungsmaßnahmen einher.

Da das staatliche Gesundheitsamt Ravensburg den Zulauf aus dem Stillen Bach nur ungern sah, sperrte es im Jahr 1974 das Kinderplanschbecken und forderte täglich zu wechselndes chloriertes Wasser. Dieser Forderung kam die Stadt in den Folgejahren nach, installierte darüber hinaus eine Wärmepumpe, baute weitere Becken und eine neue Sprunganlage und kleidete drei Becken mit Keramikplatten aus. Damit war die Grundlage für das heutige Freibad gelegt. Diverse Umbau- und Erneuerungsmaßnahmen folgten bis heute.

Quelle: 14.7.2016 Schwäbische Zeitung Weingarten; Bilder Stadtarchiv Weingarten